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  Zielkonflikte in der Tierzucht

 
 
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Die „Internationale Gesellschaft für Nutztierhaltung“ lud für den 3. und 4. Dezember nach Celle ein, zu einer Tagung unter dem Motto: „Tierzucht und Tierschutz – Herausforderungen an eine tierschutzgerechte Zucht von Nutztieren.“ Die zentralen Fragen rund um Zucht und Haltung von Geflügel, Rindern und Schweinen wurden im Friedrich-Loeffler-Institut von mehr als einem Dutzend erstklassiger Referenten beleuchtet. Statt der jeweils veranschlagten 60 Minuten für Vortrag und anschließende Diskussion, hätten es auch gerne zwei Stunden oder mehr sein können.

Auf jeden Vortrag gebührend und im Einzelnen einzugehen, würde den Rahmen dieses Kurzberichts sprengen. Allerdings soll eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Fragen nur aufgeschoben sein, bis der Tagungsband erscheint. Vielleicht findet der eine der andere Referent dann auch Zeit für ein Interview.

Auf jeden Fall stehen die Themen zweier Vorträge noch auf der „to-do-list“. Der „Qualzucht-Paragraf“, dessen Ausgestaltung und zukünftige Bedeutung Dr. Christoph Maisack (MLR Stuttgart) erläuterte sowie die Unsichtbarkeit und Verborgenheit von Nutztieren, wie sie Kerstin Weich (Universität Wien) unter dem Titel „Produktive Körper“ eindringlich beschrieben hat.

Gestern und heute
Die Meinung, heute seien alle Nutztiere völlig überzüchtet, ist weit verbreitet. Vergleicht man aktuelle Leistungen mit Werten aus der Vergangenheit, kommt man zumindest ins Staunen.

Um 1800 legten Hühner noch 50 Eier im Jahr, 1960 waren es bereits dreimal so viele. Heute liegt der Durchschnitt vermarktungsfähiger Eier bei 295 p. a. Das 100%-Huhn aber hat seine biologische Grenze erreicht, wie Dr. Matthias Schmutz (Lohmann Tierzucht, Cuxhaven) ausführte: „Mehr als ein Ei pro Tag kann ein Huhn nicht legen.“

Die durchschnittliche Jahresmilchleistung deutscher Kühe lag im Jahr 1900 bei bescheidenen 2.000 kg, bis 1990 ließ sie sich auf 4.700 kg steigern und ist heute bei 7.400 kg angelangt. Doch Prof. Jürgen Rehage (TiHo Hannover) sieht keinerlei Anzeichen dafür, dass damit etwa schon eine physiologische Obergrenze erreicht sei. Im Gegenteil: „Die heutigen Top-Ten in der Milchleistung sind da, wo 2025 der Durchschnitt liegen wird.“

Beim Schwein sind, gerade in den letzten Jahren, die Wurfgrößen deutlich gewachsen. Im Schnitt von 10,5 Ferkeln im Jahr 2003 auf 13,0 Ferkel nur zehn Jahre später. Bei dänischen Sauen liegt der Durchschnitt bei 16 Ferkeln und erreicht nicht selten 20 oder sogar mehr.

Jedoch: In der Hühnermast zeigen 90% der Tiere Ganganomalien und Puten laufen nur nach Schmerzmittelgabe mehr als ein paar Schritte, führte Dr. Birgit Rusche (Tierschutzbund, Bonn) aus. Moschusenten können konventionell überhaupt nur noch unter Rotlicht gehalten werden, wie Prof. Michael Erhard (LMU, München) ergänzte.

Unter Legehennen ist das Federpicken weit verbreitet, aber keineswegs erst seit Kurzem. Bereits 1950 wurde diese Verhaltensstörung wissenschaftlich untersucht und damals wie heute, kann nur durch Verbesserungen in Management und Haltung erfolgreich gegengesteuert werden.

Milchkühe werden heute noch vor der dritten Laktation ausrangiert, wegen Problemen mit Klauen, Eutern oder mit der Fruchtbarkeit. Aber beileibe nicht alle 12.000-Liter-Kühe sind krank. 70% der Kühe hätten keine Klauenschäden, Mastitis und Ovarialzysten, sagte Prof. Manfred Schwerin (Leibniz-Institut, Dummersdorf). „Hohe Leistung und Gesundheit schließen sich nicht aus. Bei der Zucht gibt es aber sehr wohl einen Zielkonflikt zwischen Milchleistung und Wohlbefinden der Kuh.“ Wie auch sein Hannoveraner Kollege Jürgen Rehage wies der Wissenschaftler aus Mecklenburg-Vorpommern darauf hin, dass „unfruchtbare Kühe“ häufig einfach nur später tragend würden, weil es bei negativer Energiebilanz evolutionär sinnvoll sei, zunächst ein bereits geborenes Kalb zu versorgen.

Der Anteil an Ferkeln mit (zu) geringem Geburtsgewicht steigt mit zunehmender Wurfgröße. Bei Würfen mit bis zu 11 Ferkeln sind es 14%, bei 12-14 Ferkeln bereits 21 % und bei 15-16 Ferkeln steigt ihr Anteil auf 43 %. Dr. Roland Weber (Agroscope, Tänikon/CH) führte aber aus, dass aus den übergroßen Würfen von drei zusätzlichen Ferkeln im Schnitt nur 0,4 überleben.

Und morgen?
Wo liegen vernünftige Leistungsgrenzen für Nutztiere? Welche Zuchtziele sollten für die Zukunft definiert werden und wie kann man die überhaupt erreichen?

Bei den Schweinen müssten künftig Widerstandsfähigkeit, Vitalität und kleinere Würfe im Anforderungskatalog stehen, meinte Prof. Kai-Uwe Götz (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Grub). Ohnehin seien bereits heute 25 bis 28 abgesetzte Ferkel pro Sau und Jahr am wirtschaftlichsten.

Für die Milchkuh führte Manfred Schwerin aus, dass weder konventionelle noch Bio-Milchviehhalter heute nachhaltig arbeiten. Unter Berücksichtigung des Klimaschutzes wären 8.000 kg Milch pro Kuh ein optimaler Wert, berücksichtige man jedoch die Flächennutzung, sollte der Durchschnitt bei 12.000 kg liegen. Wenn Nachhaltigkeit in Zukunft also eine Rolle spielen soll, sei Abkehr von ewig steigender Leistung die notwendige Folge.

Nach Meinung des Professors aus Dummersdorf, muss die Wertediskussion wissenschaftlich gefördert und - analog zum „Precision Farming“, ein „Precision Livestock Farming“ etabliert werden. Hierfür entsprechende Fortbildungs-Angebote zu schaffen, sei auch Aufgabe der Wissenschaft.

Dr. Friedrich Reinhardt (VIT, Verden) sprach über „aktuelle Zuchtmerkmale und deren Gewichtung in der Milchviehzucht“. Zuerst wies er darauf hin, dass bei derzeit 40 verschiedenen Zuchtzielen eine Gewichtung sich in der Realität schwierig gestaltet.

Die genomische Selektion beschleunige zwar den Zuchtfortschritt, aber die hohe Gewichtung eines bestimmten Merkmals als Zuchtziel bedeute keineswegs, dass jenes Merkmal auch in gleichem Maße ausgeprägt herauskommt. Derzeit betrage der Anteil des Komplexes „Fitness“ 55% bei der Milchkuh, „Leistung“ stehe mit 45% (HF), 48% (BV) und 38 % (FV) auf der Wunschliste. Fleischansatz bei Braunvieh und Holstein-Friesen: 0%.

AnneMarie Neeteson (Aviagen, Newbridge/UK) erklärte, dass in Ihrem Unternehmen das Augenmerk bei den Zuchtzielen für Masthühner und Puten, seit einem Eigentümerwechsel, stärker auf Nachhaltigkeit, Tierwohl und Ausgewogenheit läge. Zusammengenommen entfielen heute 25 % auf Wachstum und Futterverwertung, 75% auf Gesundheit, Fitness und Fleischqualität.
Ihrer Einschätzung nach liegen die Ursachen gesundheitlicher Probleme zu lediglich 30 % in der Genetik und zu 70 % im Management. Und schließlich sei zu bedenken, dass von der Planung bis zur Marktreife einer neuen Linie insgesamt 10 Jahre vergingen.

Beim Huhn wird sich an der Zweiteilung in Lege- und Mastlinien kaum etwas ändern. Matthias Schmutz berichtete, dass männlicher Küken aus Legelinien nach 50 Masttagen ein Schlachtkörpergewicht von 400 g, nach 70-80 Tagen von 800 g erreichen. Beim „Bruderhahn“ (Schlachtkörpergewicht 1.300 g) liege die Futterverwertung bei „1 zu 6“ bis „1 zu 7“, verglichen mit „1 zu 2,5“ bei heutigen Mastlinien.

Die Methoden zur Geschlechtserkennung im Ei, Zielvorgabe für die Legelinien, sind noch nicht voll ausgereift. Die Hormonmethode zeigt zu 90% sichere Ergebnisse, ist aber sehr personalintensiv. Untersuchungen mittels Raman- und Infrarot- Spektroskopie sind vielversprechend, befinden sich aber immer noch im Versuchsstadium.

Um 1900 gab es noch etwa 40 verschiedene Hühnerrassen in Deutschland. Auf die Diversität dieses, noch nicht gänzlich verlorenen, Genpools und seine Nutzbarkeit für die Zukunft wies Dr. Steffen Weigend (FLI, Neustadt-Mariensee) in seinem Vortrag hin.

In der Abschlussdiskussion wiesen die Vertreter der beiden kommerziellen Zuchtunternehmen darauf hin, dass sie auch für den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Firmen verantwortlich seien. Oder wie es AnneMarie Neeteson kurz fasste: „Wir können liefern, was ihr wollt“.

Auch Roland Weber gab zu, dass die eidgenössischen Schweinehalter gerne mehr Ferkel hätten, die Wurfgrößen in den vergangenen Jahren auch tatsächlich gewachsen seien und nur strikte Einfuhrverbote für lebende Schweine den Einzug dänischer Sauen in die Schweiz verhindern konnten.

Auch wenn der Konsens zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft stetig größer wird und sowohl Einsicht als auch der Wille vorhanden sind, beim „Nutz-Tier“ das Gewicht zukünftig vom „Nutzen“ mehr auf das „Tier“ zu verlagern, finden sich doch alle Akteure in wirtschaftlichen Verhältnissen wieder.

Wenn man aber hört, dass offene Tränksysteme für Pekingenten mit zusätzlichen Kosten von nur 3,4 Cent pro Tier zu Buche schlagen, fragt man sich schon, wer ein Problem damit haben könnte, diese Investition ins Tierwohl auch zu honorieren.

Als Michael Erhard in seinem Vortrag zu den Vorteilen des Privathof-Konzepts für die Masthähnchen kam, konnte man erleben „Wes das Herz voll ist, dem fließt der Mund über!“ Und wer jemals selbst einen dieser Ställe von innen gesehen hat, kann sich dem Münchner in seiner Begeisterung nur anschließen. Ein ganzes Hähnchen aus dem Programm kostet einen einzigen Euro mehr, als jenes aus der konventionellen Haltung.

Und trotzdem setzt es sich am Markt nicht durch. „Der“ Verbraucher stimmt zwar bei jeder Umfrage für Tierschutz, regionale Produkte und den Erhalt kleiner Läden in der Innenstadt, setzt sich aber anschließend ins Auto, fährt zum Shopping Center an der Autobahn und geht dort auf Schnäppchenjagd.

Wie lässt sich diese „Consumer-Citizen-Gap“ nur schließen? Welchen Anstoß braucht ein Durchschnittsmensch, um Einsicht auch in Handeln umzusetzen? Vielleicht finden ja Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler hierauf eine Antwort. Der Dank, nicht nur der IGN-Mitglieder, wäre ihnen sicher gewiss.

Quelle: "Thomas Wengenroth"
 
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